Der Jesuswahn - Vorwort

Die Bibel ist das am meisten überschätzte Buch der Weltliteratur. Weil sie die grundlegenden Schriften der bislang noch größten Weltreligion enthält und in hohen Auflagen in fast allen Sprachen gedruckt wird, schreiben selbst der Kirche Fernstehende diesem Buch eine gewisse inhaltliche Qualität zu. Die Bibel profitiert von einem Klassikerkult, die auch denen Respekt abnötigt, die selbst gar keine Christen sind. Sie wird gelobt, obwohl die meisten sie kaum gelesen haben. Und geschichtliche Wirkung hat sie ja auf alle Fälle gehabt.

Doch bedeutet geschichtliche Wirkung nicht immer auch inhaltliche Qualität. Und so ist es ein hartnäckig sich haltendes Gerücht, dass die Bibel eine wertvolle Lektüre sei, dass sich in ihr nicht nur Glauben, sondern auch ein werthaftes Ethos spiegele, dass sie Orientierung und Sinnhaftigkeit vermitteln und dass sie deshalb besonders auch Heranwachsenden empfohlen werden könne.

Doch dies ist falsch oder stimmt zumindest heute nicht mehr. Wir haben es bei den Schriften des Alten und des Neuen Testaments mit antiken Texten zu tun, die mit unserer Zeit und unserer Gesellschaft nicht nur nichts mehr zu tun haben, sondern die an unzähligen Stellen elementaren Grundsätzen einer modernen und freiheitlichen Rechts- und Gesellschaftsordnung widersprechen. Viele Handlungsmuster und Prämissen der Bibel sind über weite Strecken für den heutigen Menschen nicht nur unbrauchbar geworden, die Bibel zeigt an vielen Stellen geradezu beispielhaft, wie man nicht handeln sollte. Man kann ihr daraus nicht einmal einen Vorwurf machen. Denn die Bibel ist ein Relikt aus einer anderen Zeit, Überbleibsel einer Epoche und eines Paradigmas, welches zu Recht auf den Schutthaufen der Geschichte gehört. Der Begründung dieser These sind die ersten Kapitel dieses Buches gewidmet, die den Blick freigeben auf manches Abgründige, Erschreckende und Absurde in den Heiligen Schriften der Christenheit.

Das Ansehen und der Einfluss der Kirchen war schon einmal größer. In 10–20 Jahren werden die Konfessionslosen gegenüber den beiden großen Kirchen in Deutschland in der Mehrheit sein. Obwohl sie sich so menschlich und mitfühlend zeigen wie selten in ihrer Geschichte, laufen ihr die Gläubigen davon. Dagegen erfreut sich die Person Jesus, ihr angeblicher Gründer, weiter ungebrochener Sympathie, sogar bei ausgewiesenen Kirchengegnern oder Anhängern der esoterischen Subkultur. Jesus ja, Kirche nein – mit dieser Kurzformel kann man die Haltung vieler Zeitgenossen umreißen. Jesus als aufrechter Mann mit einer guten Botschaft, dessen gewaltsamer Tod durch die Mächtigen ehrliche Anteilnahme auch bei Nichtchristen auslösen kann.

Doch war seine Botschaft wirklich so gut? Eignet er sich wirklich als Vorbild oder gar als anzubetender Gott? Die historische Forschung ist sich weitgehend einig, dass der Jesus, wie ihn die Kirchen verkündigen und wie er teilweise schon in der Bibel verkündet wird, so niemals existiert hat. Wie die Bibel das am meisten überschätzte Buch der Weltliteratur ist, dürfte Jesus die am meisten überschätzte Person der Weltgeschichte sein. Wer Jesus wirklich war und was man heute wissenschaftlich verantwortbar über ihn sagen kann, soll deshalb in einem zentralen Kapitel über ihn festgehalten werden. Es muss dabei auch der Blick freigegeben werden auf die Begrenztheiten und die Abgründe dieses Wanderpredigers aus Galiläa. Die Ergebnisse sind für Gläubige und auch seine profanen Verehrer nicht immer angenehm. Nicht jeder möchte das so genau wissen.

Was hat die Kirche aus Jesu Lehre gemacht? Hat er überhaupt eine tragende Rolle gespielt bei der Ausgestaltung der Kirche und ihrer Glaubenssätze? Hat die Kirche auf ihn Rücksicht genommen? Oder kam ihm bei der Aufführung der theologischen Oper nur die Rolle des Hausmeisters zu? Diesen Fragen zu den Dogmen der Kirche wird im Anschluss an die Kapitel über Jesus nachgegangen, auch hier mit interessanten Ergebnissen.

Abschließend begeben wir uns auf die Suche nach den christlichen Werten, die nicht zuletzt von Politikern in Sonntagsreden immer wieder beschworen werden. Auch jeder Nichtpolitiker glaubt zu wissen, was damit gemeint ist, doch die christlichen Werte genau zu benennen fällt umso schwerer, je genauer man hinsieht – ähnlich einer Fata Morgana, die verschwimmt, je genauer man sie fixieren will. Denn vieles, was ein modernes Gemeinwesen konstituiert, hat mit christlichen Wurzeln oder Prämissen schlechterdings nichts zu tun. Ja man darf geradezu froh sein, dass unsere Gesellschaft gerade nicht auf den so oft beschworenen biblischen oder christlichen Grundlagen beruht. Das Christentum wird deshalb auch als Quelle der Ethik und als Grundlage für eine moderne Gesellschaft bei Weitem überschätzt.

Dieses Buch will die Grundlagen und die Ausprägungen des christlichen Paradigmas kritisch beleuchten, welches die abendländische Geschichte über mehr als 1500 Jahre bestimmt hat. Es zeigt dabei die fast völlige Differenz und Unterschiedenheit der Lehren der christlichen Kirchen von demjenigen an, auf den sich diese Kirchen fälschlicherweise berufen. Die wissenschaftliche Forschung, besonders die Erforschung des Neuen Testaments mit wissenschaftlicher Methodik, hat die historische Haltlosigkeit der Fundamente des Christentums weitgehend und hinlänglich belegt. Die Wahrheit des Christentums ist prinzipiell keine Frage des Glaubens mehr, nichts, wofür man sich entscheiden kann oder auch nicht. Denn noch vor aller zu glaubenden Dogmatik ist das Christentum bereits durch die historische Vorprüfung gefallen. Die historische Forschung hat die Frage nach der Wahrheit des Christentums nachhaltiger gelöst, als es Bibliotheken von Dogmatiken je hätten tun können. Die Frage der Entscheidung stellt sich nun gar nicht mehr, sondern nur noch die Frage, ob man persönlich bereit ist, diese Ergebnisse zu akzeptieren oder vor ihnen die Augen zu verschließen. Das christliche Paradigma kann intellektuell verantwortbar als erledigt, die Frage nach seiner Wahrheit in negativem Sinne als gelöst betrachtet werden. Und dies auch ungeachtet des Umstands, dass das Christentum selbst sicher noch Jahrhunderte bestehen wird, wie einst auch die germanische und römische Götterwelt nach dem Sieg des Christentums noch Jahrhunderte Bestand hatte.

Denn trotz religiöser Sperrstunde lassen sich die Stammgäste auch vom erfahrensten Wirt nicht so einfach vor die Tür setzen. Die Kirchen haben als soziologische und institutionelle Größen ein nicht zu unterschätzendes Sitzfleisch und Beharrungsvermögen. Und die Gläubigen wollen glauben und sind Argumenten in diesem für sie ja existenziellen Bereich nur sehr schwer zugänglich. Trotzdem oder gerade deshalb sind kritische Argumente nicht von vornherein vergebliche Liebesmüh, sondern umso notwendiger.

Dieses Buch richtet sich deshalb sowohl an Glieder und Freunde der christlichen Kirchen, die sich nicht scheuen mit Gedanken konfrontiert zu werden, die geeignet sind, ihre Lebens- und Glaubensprämissen zu hinterfragen oder sogar zur Disposition zu stellen. Es kann für sie neue Einsichten eröffnen und zu einer besseren Erschließung der Wirklichkeit führen, aber auch die gewohnten und als angenehm empfundenen Sinnzusammenhänge schal werden und fragwürdig erscheinen lassen. Sie werden es wenig erbaulich, aber dafür hoffentlich umso mehr erkenntniserweiternd empfinden. Und dieses Buch richtet sich gleichermaßen auch an Kritiker des Christentums und an solche, die immer schon vermutet hatten, dass mit dem Christentum etwas nicht stimmen kann. Sie erhalten mit diesem Buch die Möglichkeit, ihr richtiges Gefühl argumentativ zu unterlegen. Denn tatsächlich lässt sich manches zum bestehenden Christentum und seiner Entstehung sagen.

Dieses Buch versteht sich so in bester aufklärerischer Tradition. Dass Aufklärung ein alter Hut und speziell Religionskritik ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert sei, kann dabei nicht zugestanden werden. Sie ist es zumindest so lange nicht, wie allsonntäglich in Zigtausenden von Kirchen das Gegenteil gepredigt wird. Dieses Buch ist jedoch kein Beitrag zu einem grundsätzlichen Atheismus. Es beschäftigt sich ausschließlich mit dem Christentum als der Hauptreligion dieses Kulturkreises. Das Christentum ist dabei auch diejenige Religion, die von allen Religionen am meisten wissenschaftlich untersucht wurde. Allerdings drängt sich stark der Verdacht auf, dass auch viele andere Religionen, würden sie sich ernsthaft einer wissenschaftlichen Untersuchung stellen, ebenfalls ohne Fahrschein dastünden.

Um einem Missverständnis gleich hier vorzubeugen: Wenn im Titel dieses Buches vom Jesuswahn die Rede ist, meint dies natürlich nicht, dass es sich bei den Gläubigen um irgendwie religiös "Wahnsinnige" handeln würde. Es finden sich unter Christen und den Amtsträgern der Kirchen oft ausgesprochen sympathische und freundliche Menschen. Und es geht auch nicht darum, Gläubige oder deren Glauben zu diffamieren. Doch schon bei an sich kritischen und nichtreligiösen Menschen lassen sich, ein interessantes Phänomen, zuweilen Inseln des Irrationalen finden, man denke nur an z.B. Karlsruher Philosophen, die von der Wahrheit der Homöopathie überzeugt sind oder Politiker, die regelmäßig Horoskope lesen. Seitensprünge ins Abergläubige, die bei diesen wie ein Spleen erscheinen, sind bei Gläubigen jedoch konstitutiv, sie bilden die Grundlage ihrer Weltanschauung im Ganzen, sind ein permanenter Ehebruch gegen die Wirklichkeit. Wobei Gläubige sich selbst natürlich nicht als abergläubig verstanden wissen wollen. Die Kirchen und ihre Dogmen sind jedoch, dies hat nicht zuletzt die historische Forschung gezeigt, geradezu Formen der organisierten Irrationalität.

Gläubige müssen es sich schon gefallen lassen, dass Behauptungen wie die, dass ein Mensch gewordener Gottessohn für unsere Sünden am Kreuz gestorben ist, dass er von den Toten auferstanden und dass er Teil einer göttlichen Trinität ist, aus dem Kirchendunkel und Beichtstuhlmief ins vergleichsweise klare Licht der historischen Betrachtung gezogen werden. Das starre Festhalten an überlieferten und angeblich ewigen und heiligen Glaubenssätzen trotz des klaren Nachweises deren historischen Gewordensein, das Behaupten einer Scheinwelt neben der empirisch erfahrbaren Welt, gar die Erwartung einer Hölle mit ewigen Qualen oder eines Paradieses (mit oder ohne Jungfrauen) samt eines Lebens nach dem Tod; dies hat durchaus wahnhafte Züge.